Sams verlorener »Crooner«

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  • Winston

    #1

    Bericht: Sams verlorener »Crooner«

    »Ich höre lieber andere Sänger Balladen singen. Ich kann nicht wie Pat Boone singen. «
    [Elvis, März 1956]

    Über die geniale Zusammenarbeit von Elvis und seinem Produzenten Sam Phillips habe ich die letzte Zeit beim Lauschen der fantastischen Box A Boy From Tupelo erneut nachgedacht. Ich werfe dem guten Sam immer noch eine für mich bittere Entscheidung vor.

    Elvis kam voller Eifer ins Studio und hatte seine derzeitigen Favoriten von den Ink Spots, Dean Martin und anderen im Gepäck. Aber Elvis musste schnell erkennen, das Sam andere Vorstellungen hatte als er selbst. Sam wollte was Neues und keinen weiteren »Crooner«. Ich halte dies für einen Fehler. Elvis wollte niemals »König des Rock'n‘Roll« sein. Sein Wunsch lag im Singen von Balladen, die er Sam dann auch voller Eifer präsentierte. Das war aber nicht in Sams Sinn und er konnte es nach eigener Aussage nicht über das Herz bringen, Elvis von dieser »Zeitverschwendung« im Studio abzuhalten. So schaltete er immerhin einige Male die Bandmaschine an. Der Geschäftssinn übernahm das Ruder und Elvis nahm etwas »Neues« auf, für das der Zuhörer und Käufer zahlen würde. Das bringt Elvis und Sam Geld!

    Kein Zweifel, diese neue Musik brachte Elvis in die Charts. Allerdings denke ich immer an die vielen frühen Interviews. Er bezeichnet I Was The One und Don't als seine eigenen Favoriten. Er erklärt sogar, dass er Rock'n'Roll solange singen wird, wie das Publikum seine Platten kauft. Kleine Stiche bekomme ich dann in mein Herz, wenn ich höre, wie er Dean Martin oder Mario Lanza überschwänglich lobt. Sie waren für ihn einfach großartig. Das klingt in meinen Ohren nicht nach einem überzeugten Rock-Musiker, sondern nach jemanden der weiß, dass er etwas besser kann und damit Geld zu verdienen ist. Warum die Zeit des Rock'n'Roll nicht nutzen und sich und seiner Familie die lange gehegten Wünsche erfüllen.

    1972 erzählt Elvis den Reportern vor seinem grandiosen Auftritt im Madison Square Garden, dass It's Now Or Never sein eigener Favorit ist. In späteren Jahren sind großangelegte Balladen wie Hurt oder Unchained Melody die Songs, die er liebt. Elvis hatte das große Talent die Cover-Versionen anderer Künstler wie seine eigenen Lieder klingen zu lassen. Mit wenigen Ausnahmen versuchte er sich nie an den Liedern von Frank Sinatra oder Dean Martin. Zu groß war sein Respekt und zu klein das Selbstvertrauen als Balladen-Sänger und die Einschätzung seiner eigenen Stimme.

    Ich kann nicht beurteilen, wie tief der Stachel gesessen hat, den Sam verursacht hat, als keine seiner Balladen als gut genug zur Veröffentlichung angesehen wurde. Nicht einmal das wunderbare Blue Moon schaffte es auf eine B-Seite bei SUN-Records. Geschweige den das ebenso schöne Tomorrow Night. Aber eines weiß ich. Es gibt so viele private Aufnahmen, die bei Elvis zuhause entstanden und wir hören durchweg Balladen und Gospels. Das ist die Musik, die er sang, wenn er für sich war und die Musik, die er mochte. Hier sind einige meiner Lieblings-Balladen:

    Blue Moon – Ich sehe immer einen unendliche Highway vor mir, wenn ich dieses geisterhaft anmutende, wunderschöne Frühwerk höre. Die tiefe Suche nach erlösender Liebe.

    I Need Somebody To Lean On – Eine beim ersten Hören ungewöhnliche aber dann fantastische Ballade mit einer zärtlichen Mitternachtsmelodie. Eine Arbeit voller Genialität und vollkommen unterschätzt.

    I'll Hold You In My Heart –Elvis kann dieses Meisterstück einfach nicht beenden. Man sinkt immer tiefer in seinen heiseren Vortrag. Er verliert sich total in seinem Misstrauen, ob seine Geliebte wirklich auf ihn wartet. Das Stück ist einfach fantastisch!

    The Wonder Of You – Schon 1967 wollte Elvis den Hit für Ray Peterson aufnehmen. Leider wurde dieser Plan fallengelassen. Aber er präsentierte dieses wunderschöne Stück voller Überzeugung und Selbstvertrauen live in Las Vegas drei Jahre später. Spätestens beim Solo von James Burton laufen die Schauer über meinen Rücken. Wundervoll!

    Where Did They Go Lord – Elvis verausgabt sich vollkommen bei dieser saustarken Ballade von Dallas Frazier. Ich kann die Passage, dass er nicht verbittert ist, sondern ein leeres Herz hat, immer und immer wieder hören.

    There's A Honky Tonk Angel – Dies ist ein so großartige und gelungener Cover-Song von dem Hit von Conway Twitty, dass einem Tränen kommen. Vielleicht hat er dieses Lied nur aufgenommen, weil sein Vater ihm davon erzählt hat. Köstlich sein Kommentar vor einem Versuch: »Ich werde noch verrückt…«! Genau das passiert und es hört sich wunderbar an.
  • King77
    Board-Legende

    • 04.08.2007
    • 14895

    #2
    Tut mir leid aber bei vielem was du da geschrieben hast kann ich nicht zustimmen. Elvis liebte Baladen aber er liebte genau so R+R auch wenn es viele nicht wahrhaben wollen. Seine Favoriten waren auch Little Richard u. Fats Domino, Clyde McPhatter usw. Auch dass Elvis kaum Songs von Frank Sinatra sang ergibt sich aus der Tatsache Franks Songs waren alle auf große Big Bands ausgelegt also gar nicht Elvis Baustelle mit seiner kleinen Band damals. Songs von Dean Martin zu singen hätte er aber sicher keine Schwierigkeiten gehabt. Es gibt ja genug Titel die beide gesungen haben.

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    • Hound_Dog
      Gehört zum Inventar

      • 31.01.2006
      • 1617

      #3
      Die Info mit The Wonder Of You ist mir neu das er es schon früher aufnehmen wollte.
      Leben heißt rückwärts gelesen Nebel. Vielleicht ist das der Grund, warum wir manchmal nicht durchblicken.

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      • King77
        Board-Legende

        • 04.08.2007
        • 14895

        #4
        Doch er wollte es im Aug. 67 aufnehmen, aber aus dieser Session wurde nichts. Ob er es tatsächlich aufgenommen hätte ist natürlich reine Spekulation. Wenn er wirklich so geil gewesen wäre auf den Titel dann hätte man den Song auch bei der nächsten Session im Sept. 67 aufnehmen können. Wie auch andere geplante Songs vom Aug. 67 die dann im Sept. 67 verwirklicht wurden.

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        • Dark Moon
          Posting-Legende

          • 18.08.2012
          • 6288

          #5
          Zitat von King77
          Doch er wollte es im Aug. 67 ...
          @King77,woher weiß man das?

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          • King77
            Board-Legende

            • 04.08.2007
            • 14895

            #6
            Aus den Session Unterlagen. Bienstock versuchte damals mit den diversen Musikverlagen Deals auszuhandeln. Darum weiß man welche Songs in der engeren Wahl standen. Nachzulesen im Buch A Life In Music von Ernst.

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            • Dark Moon
              Posting-Legende

              • 18.08.2012
              • 6288

              #7
              Danke Dir, schau ich später direkt mal nach!

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              • charro
                Posting-Legende

                • 02.09.2005
                • 8583

                #8
                Zitat von Winston
                Elvis kam voller Eifer ins Studio und hatte seine derzeitigen Favoriten von den Ink Spots, Dean Martin und anderen im Gepäck. Aber Elvis musste schnell erkennen.....
                Also da muss ich king77 beipflichten und kann dem Ausgangsposting im großen und ganzen gar nicht zustimmen.

                Der Grund warum Elvis sich anfangs bei Phillps mit Balladen vorstellte, dürfte zu weiten Teilen rein pragmatisch gewesen sein: wenn ich mit meiner Stimme überzeugen will, schreie ich kaum wilden Hillbilly ins Mikro, sondern phrasiere eher die Melodie einer Ballade.

                Das er auch später eher Balladen hervorhob, dürfte ähnliche Gründe haben, denn hier konnte er regelmäßig zeigen, dass er auch tatsächlich "singen" konnte. Das heisst allerdings im Umkehrschluss kaum, dass Elvis seine Rock-Nummern nur dem schnöden Mammon und den Fans zu Liebe aufgenommen hat. Wenn da irgendein Stachel gesehen wird, der durch Sam Phillps Vorgehenswiese tief sitzen sollte, dann wird da glaube ich deutlich mehr in den armen missverstandenen Elvis hinein interpretiert, als tatsächlich nachvollziehbar ist.

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                • Winston

                  #9
                  Das wird hoffentlich ein interessanter Thread, da ich es ja ganz bewusst wage das "Heiligtum" Sam Phillips mit etwas Kritik zu belegen. Im FECC-Forum ist eine geniales Posting eines Users, der von folgender These ausgeht:

                  Elvis hatte ein schon öfters privat einstudiertes That's All Right im Kopf. Er sang aber aus vielleicht oben schon angeschnittenen Theorien Balladen, da dies mehr Stimme bedeutet.

                  Als dies nicht funktioniert, kommt er in Panik und stimmt sein in der Hinterhand gehaltenes That's All Right an. Also nicht spontan, sondern bewusst als letzter Anker.

                  Der Kern für mich ist aber, warum hat Sam die Balladen durchweg im Archiv gelassen?

                  Kommentar

                  • charro
                    Posting-Legende

                    • 02.09.2005
                    • 8583

                    #10
                    Zitat von Winston
                    Der Kern für mich ist aber, warum hat Sam die Balladen durchweg im Archiv gelassen?
                    Die Antwort hast Du Dir doch schon selbst gegeben: es war nichts Neues, nichts zwingendes was sich verkauft wie Hulle. Warum hätte er die Dinger veröffentlichen sollen, wenn That's All Right, Good Rocking Tonight, Mystery Train & Co den Nerv der Zeit viel eher trafen?

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                    • Winston

                      #11
                      Da gebe ich dir vollkommen Recht. Aber als B-Seite hätte es doch immerhin gepasst. Warum nicht That's All Right und Blue Moon Of Kentucky jeweils als A-Seite?

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                      • TheKing
                        Board-Legende

                        • 19.06.2006
                        • 20721

                        #12
                        Es ist doch völlig normal und legitim wenn ein so junger Mann auf einen erfahreneren Profi trifft, dass er sich da auch etwas führen lassen muss und dazulernt. Sam sah die Situation auf dem Musikmarkt und lenkte Elvis meinetwegen auch etwas in diese aus seiner Sicht richtige Position. Das ist doch völlig okay. Wenn Elvis sich von Anfang an gesperrt hätte von Profis Dinge über das Showbusiness zu lernen, wäre er niemals so ein Meister des Entertainment geworden. Die Frage "Wieviel Rock'n Roll (den es ja namentlich so noch nicht gab) war in Elvis bevor er auf Sam traf ?" ist jedoch interessant. Selbst wenn Sam diese Musik für Elvis erst eröffnet haben sollte, ist es doch wundervoll was der Junge dann in diesem Bereich geleistet hat. Ein Glücksfall der Musikgeschichte!
                        Zuletzt geändert von TheKing; 23.11.2013, 15:43
                        Ohne Worte!

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                        • charro
                          Posting-Legende

                          • 02.09.2005
                          • 8583

                          #13
                          Zitat von Winston
                          Aber als B-Seite hätte es doch immerhin gepasst. Warum nicht That's All Right und Blue Moon Of Kentucky jeweils als A-Seite?
                          Weil es vermutlich wichtig war, gerade die erste Single mit 2 durchschlagenden Songs auf den Markt zu werfen. Wozu eine B-Seite mit Blue Moon oder Harbour Lights, die es damals in den 40er / 50ern in tausenden anderen Fassungen schon gab?!

                          Und wenn Du Dich auf die Folgesingles beziehen möchtest: weil die dort gewählten A- und B-Seiten einfach die besseren Songs waren, als die verbliebenen Alternativen wie I Love You Because, Tomorrow Night & Co. So einfach is das manchmal....

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                          • Winston

                            #14
                            Zitat von TheKing
                            Es ist doch völlig normal und legitim wenn ein so junger Mann auf einen erfahreneren Profi trifft, dass er sich da auch etwas führen lassen muss und dazulernt. Sam sah die Situation auf dem Musikmarkt und lenkte Elvis meinetwegen auch etwas in diese aus seiner Sicht richtige Position. Das ist doch völlig okay. Wenn Elvis sich von Anfang an gesperrt hätte von Profis Dinge über das Showbusiness zu lernen, wäre niemals so ein Meister des Entertainmentgeworden. Die Frage "Wieviel Rock'n Roll (den es ja namentlich so noch nicht gab) war in Elvis bevor er auf Sam traf ?" ist jedoch interessant. Selbst wenn Sam diese Musik für Elvis erst eröffnet haben sollte, ist es doch wundervoll was der Junge dann in diesem Bereich geleistet hat. Ein Glücksfall der Musikgeschichte!
                            Danke, damit hat du genau das getroffen, was mein Posting bezwecken sollte. Elvis wurde bestimmt in eine Richtung geführt, von Sam, von Chips und natürlich von Tom.

                            Was ist aber nun Elvis selbst? Ernsthaft diskutiert!

                            Kommentar

                            • TheKing
                              Board-Legende

                              • 19.06.2006
                              • 20721

                              #15
                              Das kann man ja schwer sagen. Wo nahm Elvis ein Konzept an und an welcher Stelle war näher an seinem ureigenen Kern? Also ich kann dazu nur zwei Dinge beitragen. Steve Binder hat Elvis in der Sitdownshow des NBC Special so inzeniert, weil er gehört hatte wie Elvis mit den Jungs abgejamed hatte und diese Energie wollte er einfangen. Ich glaube das. Also sehen wir in der Sitdownshow viel von dem Elvis, der er 1968 war oder zumindest wieder sein wollte.

                              Zweitens glaube ich, dass Elvis sich später immer mehr gelöst hat von Vorgaben und Rahmenbedingungen, die er aus meiner Sicht viel zu oft hingenommen und akzeptiert hatte, leider war er da aber auch schon gesundheitlich nicht mehr auf der Höhe.

                              Ich glaube auf Elvis is back hören wir auch ne Menge "wahren" Elvis und natürlich auch in den großen Balladen der Sechziger. Elvis war nicht so "one-track-minded" und offen, er liebte Musik verschiedenster Richtungen.

                              Mit der ganzen Kategorisiererei tun wir ihm keinen Gefallen.
                              Ohne Worte!

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