Eine ganze Seite wird heute Elvis gewidmet. Die Wochenendbeilage Ozelot beschäftigt sich auf ihre Art mit Elvis. Ein fast halbseitiges Bild von Elvis aus 1975 ziert den Bericht dazu.
Und hier ist er....
Mit Sex in der Stimme
Vor dreißig Jahren starb Elvis Presley, nur 42 Jahre alt. Er hatte seinen Körper mit Medikamenten zur Hölle gejagt. Doch es bleibt der Mythos vom großen Sänger und „Hüftwackler“.
Ein Leben, so heißt es, sollte man immer von seinem Ende her beurteilen. Ob es erfolgreich war oder verpfuscht, erfüllt oder vergeudet – erst die Ziellinie namens Tod entscheidet darüber. Wäre Elvis Presley ein Mensch wie wir gewesen und kein Gott, seine Bilanz sähe jämmerlich aus. Als er am 16. August vor dreißig Jahren gegen 14.30 Uhr seinen letzten Atemzug tut, kauert er vor dem Klo seiner Kitsch-Villa Graceland. Sein aufgedunsenes Gesicht liegt auf dem Badezimmer-Teppich, er wiegt 150 Kilo, sein Körper ist eine Giftmüll-Deponie. Allein in den drei Jahren zuvor hat er eine ganze Apotheke geschluckt und gespritzt: 5458 mal Amphetamine, 9568 mal Beruhigungsmittel, 3988 mal Betäubungsmittel.
Er konnte nicht einschlafen ohne Tabletten und nicht aufwachen, nicht singen und nicht Stuhlgang haben. Der Autopsiebericht gibt als Todesursache „multiple Einnahme von Medikamenten“ an. 14 verschiedene Betäubungs- und Beruhigungsmittel wurden in seinem Blut nachgewiesen. Der größte Rock 'n' Roller aller Zeiten, der zeit seines Lebens weder Alkohol trank noch rauchte, hatte seinen Körper mit Medikamenten zur Hölle gejagt. Seine Seele muss irgendwann vorher auf der Strecke geblieben sein. Er wurde nur 42 Jahre alt.
Wie gesagt: Hätte es sich bei Elvis Presley um einen gewöhnlichen Menschen gehandelt, dann bliebe nur das Urteil, dass er letztlich alles vermasselt hat. Aber er war keiner wie wir, und so fand eine merkwürdige Verwandlung statt: Von der hässlichen Leiche zum Mythos in alle Ewigkeit. „Ich betete ihn an“, sagte John Lennon, „Es gibt keinen großen Unterschied zwischen Mozart und Elvis“, meint Keith Richards. „Er verkörperte das Wesen der Dinge. Alles beginnt und endet mit ihm“, kniet Bruce Springsteen vor ihm nieder. Und auch Madonna schmeißt sich in den Staub: „Ohne Elvis“, sagt sie, „bist du nichts.“
Es wird wieder eine seltsame Kerzen-Prozession werden an diesem Donnerstag in Graceland, so wie jedes Jahr. Gut und gerne 50 000 Menschen, füllige Muttis mit toupierten Haaren, bierbäuchige ältere Herren mit Jeanshosen und Koteletten auf dem Weg zum Grab ihres Gottes. Er ist ein Heiliger Amerikas, vierzehn Bundesstaaten begehen seinen Geburtstag offiziell als „Elvis Presley Day“. Die Republikanische Partei erwog 1972 sogar, ihn zum Vizepräsidentschaftkandidaten zu nominieren.
Kann es wirklich sein, dass es bei alledem nur um Sex ging? Dass die Muttis, die zu seinem Grab pilgern, auf ewig dem berühmten Stoß seiner Hüften verfallen sind? Elvis Presley war das netteste Sex-Symbol, das die Pop-Industrie je hervorgebracht hatte, wie gemalt für die pubertierenden Mädchen der 50er-Jahre, die sich mit seinen Postern und Songs in rosa Zimmern ersten lüsternen Fantasien hingaben.
Die Mär vom hemdsärmligen Lastwagenfahrer, der eines Tages in ein Tonstudio geht, um seiner Mutter ein Geburtstagsständchen aufzunehmen, und so entdeckt wird, haben seine Manager erfunden. Schon in seiner wenig glorreichen Schulzeit spielte Elvis mit erotischen Signalen, er trug weite Bundfaltenhosen, Jacken mit ausgestopften Schultern, schreiend bunte Hemden, später färbte er seine dunkelblonden Haare schwarz und legte Lidschatten auf. Bei seinen letzten Konzerten hätte er, fett und schmachtfetzig, in seinen juwelenbestickten Fantasiekostümen auch jeder Transvestiten-Show zur Ehre gereicht.
Er verströmte Sex mit jedem Song und jedem Zappeln seines Körpers. Dabei wusste er selbst nicht, wie ihm geschah, als sich die geballte Lust junger Mädchen über ihn hermachte. Seinen ersten Auftritt bei einer Show in Memphis erinnert er irritiert: „Ich kam auf die Bühne und war starr vor Angst. Und ich machte eine schnelle Nummer, und alle schrien, und ich wusste nicht, warum sie schrien. Und ich kam hinter die Bühne, und mein Manager sagte, sie schrien, weil ich gewackelt hätte. Also, ich ging wieder hinaus für eine Zugabe, und ich – ich hab irgendwie ein bisschen mehr gemacht. Und je mehr ich machte, desto wilder wurden sie."
Fast schien es, als hätte der Götze Sex, den man in den 50er-Jahren wie eine Seuche ausgetrieben hatte, von dem armen Schönling Elvis Besitz ergriffen, um endlich zu seinem Recht zu kommen. Einem Jungen, der in einem Bretterhaus geboren worden war, hinein in die Erbärmlichkeit des „white trash“, des „weißen Mülls“, auf den noch die Schwarzen herabblickten. Und dann kommt dieser Niemand über die Welt wie der neue Erlöser – mit nichts als einer fantastischen Stimme. Nicht mal Noten lesen konnte er.
Das Establishment spuckte Gifte und Galle. Die „Zeit“ in Deutschland nannte Elvis einen „Wimmersänger und Hüftwackler“, einen „Rock 'n'Roll-Stöhner“. Erst unter dem Druck der Fans gab der Hessische Rundfunk seinen Elvis-Boykott auf – wenn auch nur, um „den verstümmelten Empfindungen des Industriemenschen gerecht zu werden.“ Selbst konnte Elvis mit seiner erotischen Wucht allerdings wenig anfangen. Blutjung mussten seine Mädchen sein, das heißt erotisch ungefährlich und sexuell bescheiden. Seine spätere Frau Priscilla lernte er während seiner Armeezeit in Deutschland kennen. Die Adoptivtochter eines Luftwaffenoffiziers war damals 14 und erst 16, als sie mit ihm nach Graceland ging.
Zeitlebens habe er sich als Mann sexuell überfordert gefühlt, schreiben Alan und Maria Posener in ihrer Elvis-Monographie (rororo). So erzählte Priscilla, dass sie und Elvis in den zehn Jahren ihres Zusammenlebens „nicht mehr als fünfzigmal“ Sex hatten. 1972 trennten sie sich.
Mit Elvis ging es danach seelisch und körperlich bergab, sein Medikamenten-Konsum wuchs wie sein Bauchumfang – auch wenn er noch einmal Riesen-Triumphe feierte und damals entstandene Songs wie „In The Ghetto“ oder „Suspicious Mind“ zum Besten seines Wirkens gehören. Sein Live-Konzert „Aloha From Hawaii“ am 14. Januar 1973 wurde per Satellit in die ganze Welt übertragen, eine Milliarde Menschen verfolgten es, das waren mehr als bei der Übertragung der ersten Mondlandung.
Er selbst verlor jeden Halt. Schon 1958 war seine Mutter Gladys 46-jährig gestorben. Es blieben ihm sein skrupelloser Manager Colonel Parker, der ihm am Ende per Vertrag 50 Prozent aller Einnahmen abnahm, sein Clan aus Familienmitgliedern, Höflingen und Schranzen, die auf Graceland hausten und schmarotzten. All dies war über ihn gekommen, ohne dass er darauf vorbereitet gewesen wäre. Es war ihm einfach passiert.
Er hatte von klein auf in dem Gefühl gelebt, ein Auserwählter zu sein: „Ich spürte immer, dass irgendwann, irgendwie, irgendetwas geschehen würde, um alles für mich zu verändern, und ich fantasierte in Tagträumen darüber, wie es sein würde. . . es war ein Gefühl, dass die Zukunft irgendwie hell schien.“ Das Gefühl hatte nicht getrogen. Nur war seine Zukunft die eines Mythos: verdammt kurz und am Ende sehr dunkel.
Und hier ist er....

Mit Sex in der Stimme
Vor dreißig Jahren starb Elvis Presley, nur 42 Jahre alt. Er hatte seinen Körper mit Medikamenten zur Hölle gejagt. Doch es bleibt der Mythos vom großen Sänger und „Hüftwackler“.
Ein Leben, so heißt es, sollte man immer von seinem Ende her beurteilen. Ob es erfolgreich war oder verpfuscht, erfüllt oder vergeudet – erst die Ziellinie namens Tod entscheidet darüber. Wäre Elvis Presley ein Mensch wie wir gewesen und kein Gott, seine Bilanz sähe jämmerlich aus. Als er am 16. August vor dreißig Jahren gegen 14.30 Uhr seinen letzten Atemzug tut, kauert er vor dem Klo seiner Kitsch-Villa Graceland. Sein aufgedunsenes Gesicht liegt auf dem Badezimmer-Teppich, er wiegt 150 Kilo, sein Körper ist eine Giftmüll-Deponie. Allein in den drei Jahren zuvor hat er eine ganze Apotheke geschluckt und gespritzt: 5458 mal Amphetamine, 9568 mal Beruhigungsmittel, 3988 mal Betäubungsmittel.
Er konnte nicht einschlafen ohne Tabletten und nicht aufwachen, nicht singen und nicht Stuhlgang haben. Der Autopsiebericht gibt als Todesursache „multiple Einnahme von Medikamenten“ an. 14 verschiedene Betäubungs- und Beruhigungsmittel wurden in seinem Blut nachgewiesen. Der größte Rock 'n' Roller aller Zeiten, der zeit seines Lebens weder Alkohol trank noch rauchte, hatte seinen Körper mit Medikamenten zur Hölle gejagt. Seine Seele muss irgendwann vorher auf der Strecke geblieben sein. Er wurde nur 42 Jahre alt.
Wie gesagt: Hätte es sich bei Elvis Presley um einen gewöhnlichen Menschen gehandelt, dann bliebe nur das Urteil, dass er letztlich alles vermasselt hat. Aber er war keiner wie wir, und so fand eine merkwürdige Verwandlung statt: Von der hässlichen Leiche zum Mythos in alle Ewigkeit. „Ich betete ihn an“, sagte John Lennon, „Es gibt keinen großen Unterschied zwischen Mozart und Elvis“, meint Keith Richards. „Er verkörperte das Wesen der Dinge. Alles beginnt und endet mit ihm“, kniet Bruce Springsteen vor ihm nieder. Und auch Madonna schmeißt sich in den Staub: „Ohne Elvis“, sagt sie, „bist du nichts.“
Es wird wieder eine seltsame Kerzen-Prozession werden an diesem Donnerstag in Graceland, so wie jedes Jahr. Gut und gerne 50 000 Menschen, füllige Muttis mit toupierten Haaren, bierbäuchige ältere Herren mit Jeanshosen und Koteletten auf dem Weg zum Grab ihres Gottes. Er ist ein Heiliger Amerikas, vierzehn Bundesstaaten begehen seinen Geburtstag offiziell als „Elvis Presley Day“. Die Republikanische Partei erwog 1972 sogar, ihn zum Vizepräsidentschaftkandidaten zu nominieren.
Kann es wirklich sein, dass es bei alledem nur um Sex ging? Dass die Muttis, die zu seinem Grab pilgern, auf ewig dem berühmten Stoß seiner Hüften verfallen sind? Elvis Presley war das netteste Sex-Symbol, das die Pop-Industrie je hervorgebracht hatte, wie gemalt für die pubertierenden Mädchen der 50er-Jahre, die sich mit seinen Postern und Songs in rosa Zimmern ersten lüsternen Fantasien hingaben.
Die Mär vom hemdsärmligen Lastwagenfahrer, der eines Tages in ein Tonstudio geht, um seiner Mutter ein Geburtstagsständchen aufzunehmen, und so entdeckt wird, haben seine Manager erfunden. Schon in seiner wenig glorreichen Schulzeit spielte Elvis mit erotischen Signalen, er trug weite Bundfaltenhosen, Jacken mit ausgestopften Schultern, schreiend bunte Hemden, später färbte er seine dunkelblonden Haare schwarz und legte Lidschatten auf. Bei seinen letzten Konzerten hätte er, fett und schmachtfetzig, in seinen juwelenbestickten Fantasiekostümen auch jeder Transvestiten-Show zur Ehre gereicht.
Er verströmte Sex mit jedem Song und jedem Zappeln seines Körpers. Dabei wusste er selbst nicht, wie ihm geschah, als sich die geballte Lust junger Mädchen über ihn hermachte. Seinen ersten Auftritt bei einer Show in Memphis erinnert er irritiert: „Ich kam auf die Bühne und war starr vor Angst. Und ich machte eine schnelle Nummer, und alle schrien, und ich wusste nicht, warum sie schrien. Und ich kam hinter die Bühne, und mein Manager sagte, sie schrien, weil ich gewackelt hätte. Also, ich ging wieder hinaus für eine Zugabe, und ich – ich hab irgendwie ein bisschen mehr gemacht. Und je mehr ich machte, desto wilder wurden sie."
Fast schien es, als hätte der Götze Sex, den man in den 50er-Jahren wie eine Seuche ausgetrieben hatte, von dem armen Schönling Elvis Besitz ergriffen, um endlich zu seinem Recht zu kommen. Einem Jungen, der in einem Bretterhaus geboren worden war, hinein in die Erbärmlichkeit des „white trash“, des „weißen Mülls“, auf den noch die Schwarzen herabblickten. Und dann kommt dieser Niemand über die Welt wie der neue Erlöser – mit nichts als einer fantastischen Stimme. Nicht mal Noten lesen konnte er.
Das Establishment spuckte Gifte und Galle. Die „Zeit“ in Deutschland nannte Elvis einen „Wimmersänger und Hüftwackler“, einen „Rock 'n'Roll-Stöhner“. Erst unter dem Druck der Fans gab der Hessische Rundfunk seinen Elvis-Boykott auf – wenn auch nur, um „den verstümmelten Empfindungen des Industriemenschen gerecht zu werden.“ Selbst konnte Elvis mit seiner erotischen Wucht allerdings wenig anfangen. Blutjung mussten seine Mädchen sein, das heißt erotisch ungefährlich und sexuell bescheiden. Seine spätere Frau Priscilla lernte er während seiner Armeezeit in Deutschland kennen. Die Adoptivtochter eines Luftwaffenoffiziers war damals 14 und erst 16, als sie mit ihm nach Graceland ging.
Zeitlebens habe er sich als Mann sexuell überfordert gefühlt, schreiben Alan und Maria Posener in ihrer Elvis-Monographie (rororo). So erzählte Priscilla, dass sie und Elvis in den zehn Jahren ihres Zusammenlebens „nicht mehr als fünfzigmal“ Sex hatten. 1972 trennten sie sich.
Mit Elvis ging es danach seelisch und körperlich bergab, sein Medikamenten-Konsum wuchs wie sein Bauchumfang – auch wenn er noch einmal Riesen-Triumphe feierte und damals entstandene Songs wie „In The Ghetto“ oder „Suspicious Mind“ zum Besten seines Wirkens gehören. Sein Live-Konzert „Aloha From Hawaii“ am 14. Januar 1973 wurde per Satellit in die ganze Welt übertragen, eine Milliarde Menschen verfolgten es, das waren mehr als bei der Übertragung der ersten Mondlandung.
Er selbst verlor jeden Halt. Schon 1958 war seine Mutter Gladys 46-jährig gestorben. Es blieben ihm sein skrupelloser Manager Colonel Parker, der ihm am Ende per Vertrag 50 Prozent aller Einnahmen abnahm, sein Clan aus Familienmitgliedern, Höflingen und Schranzen, die auf Graceland hausten und schmarotzten. All dies war über ihn gekommen, ohne dass er darauf vorbereitet gewesen wäre. Es war ihm einfach passiert.
Er hatte von klein auf in dem Gefühl gelebt, ein Auserwählter zu sein: „Ich spürte immer, dass irgendwann, irgendwie, irgendetwas geschehen würde, um alles für mich zu verändern, und ich fantasierte in Tagträumen darüber, wie es sein würde. . . es war ein Gefühl, dass die Zukunft irgendwie hell schien.“ Das Gefühl hatte nicht getrogen. Nur war seine Zukunft die eines Mythos: verdammt kurz und am Ende sehr dunkel.
ELMAR JEHN
Ostseezeitung.de








Leider denken zuviele so, und gerade deswegen schreiben sie genau so.
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