Where did they go, Lord

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  • Manhattoe
    Foren-Profi

    • 04.07.2005
    • 235

    #1

    Where did they go, Lord

    Where did they go, Lord?


    Am 22. September 1970 nimmt Elvis vier Songs in Nashville auf. Snowbird und Whole lotta shakin' goin' on erscheinen im Januar 1971 auf der LP Elvis Country, Rags to riches und Where did they go, Lord? werden einen Monat später als Single herausgegeben. (Auf Seite 371 von A Life in Music schreibt Jorgensen übrigens richtig, dass Where did they go, Lord? die A-Seite der Single war, im Anhang [420] macht er den Song dann fälschlicherweise zur B-Seite). Trotz dieses exponierten Veröffentlichung gehören die beiden zuletzt genannten Titel lange zu den unbekannteren Songs, die Elvis in seinem annus mirabilis aufnahm. Erst als Where did they go, Lord? im Februar 1978 auf dem ersten posthumen Release, der goldgekrönten LP He Walks Beside Me, erscheint, wird der Song einem breiteren Publikum zugänglich.

    Für mich ist Where did they go, Lord? der Song aus dem Jahre 1970, der am meisten unter die Haut geht.
    The words of her promise
    The flame of her faith
    The love that would never drift away
    Where did they go Lord, where did they go?

    (You know) Somehow forever
    Slipped out of my hands
    And my dreams ran away with the wind
    Where did they go Lord, where did they go?

    Diese ersten beiden Strophen geht Elvis verhalten an. Sie beschreiben einen Verlust und dessen Konsequenzen, aber es wird nicht deutlich, was oder wer verlorenging. Das Personalpronomen "her" legt natürlich nahe, dass es sich um eine Frau handelt. Aber was ist mit Ihr passiert? Hat sie ihn (das Lied-Ich) verlassen. Oder ist sie gestorben? Es scheint auch hauptsächlich der Bruch eines Versprechens bzw der Verlust des Glaubens zu sein, der mit ihrem Weggang verbunden ist und ihn quält. Und was hat Gott damit zu tun? Warum fragt er Gott nach dem Verbleib des Glaubens und seiner Träume, warum fragt er Gott nicht, wo sie geblieben ist?

    Der Abschied von ihr scheint mehr als das Ende einer Beziehung. Ihr Verlust ist für ihn eine existentielle Krise, denn er hat den Glauben and die Zukunft bzw an die Ewigkeit verloren (mehrfach deutet sich ein religiöser Zusammenhang an), die Träume, auf den seine Welt beruhte, haben sich ins Nichts verflüchtigt.

    Die Frage am Ende der zweiten Strophe klingt bereits etwas ungehaltener als in der ersten. (Man kann sich mit Recht darüber beschweren, dass viele Elvis Songs unter technischen Gesichtspunkten luschig produziert wurden, und auch, dass Elvis durch einige Unarten seinen Teil dazu beitrug, aber hier steigert der deutlich hörbare, durch das Einatmen verursachte Zischlaut eindeutig die Intensität der Frage.)

    Nach diesem ruhigen, aber nichtsdestoweniger kraftvollen Beginn, der auf mich wirkt, als würde das Lied-Ich sich beherrschen müssen, explodiert der Song. Aufgepeitscht von James Burtons grandioser Gitarrenarbeit steigert sich der Song in wenigen Sekunden in ein langes Finale.
    (You know) Sometimes I wish
    I had lost her to another
    Well but Lord she just walked off all alone
    The heart that's within me isn't bitter, it's just empty
    And bewildered because her love is gone

    The passion I trusted
    The truth that I leaned on
    And the hope that would forever keep me strong
    I cry out my questions
    But the answers are gone
    Where did they go Lord, tell me where did they go?
    Where did they go Lord, tell me where did they go?

    Die Verzweiflung platzt aus ihm heraus. Er kann nicht verstehen, dass sie ihn einfach so verlassen hat. Er würde es besser verstehen, wenn sie ihn für einen anderen verlassen hätte (hier scheint sich zu bestätigen, dass "she" eine Frau ist). Ihr Weggang geschah unvermittelt. Er ist nicht gewappnet für ein Leben ohne sie, ist nicht vorbereitet auf die Leere in seinem Herzen, in dem er nicht einmal Bitterkeit empfinden kann. Er ist verstört, da ihre Leidenschaft und die mit ihr verbundene Hoffnung, auf die er sein Leben (oder mehr noch?) stützte, plötzlich nicht mehr vorhanden sind.

    In dieser Situation bleibt ihm nichts weiter als seine Fragen in das ihn umgebende Nichts hinauszuschreien, in der Hoffnung, jemand bzw Gott antwortet ihm.

    Where did they go, Lord? ist ein großartiger Song, gleichzeitig Hilferuf und schmerzerfüllte Klage, aber auch eine Anklage gegen die Ungerechtigkeit und Sinnlosigkeit, die dafür verantwortlich ist, dass sie ihn verließ. Da Gott der einzige Adressat in diesem Song ist, liegt die Vermutung nahe, die Anklage richtet sich gegen ihn.

    Elvis wird großartig unterstützt von James Burton, der seiner Gitarre klagende, dissonale Töne entlockt (möglicherweise in Anspielung auf ein populäres Bild der Romantik, das Seelenkrankheit als verstimmte Laute/Harfe metaphorisiert), und wenn Elvis "bewildered" singt, klimpert David Briggs kurz ein paar hohe Töne, die die Verwirrung des Lied-Ich hörbar machen. In diesem Song stört mich in keinster Weise die Dramatik - wie es sonst recht häufig bei den Balladen der 70er Jahre der Fall ist - mit der diese Verse vorgetragen werden, da sie die Gefühle von Unverständnis, Verzweiflung und existentieller Angst überzeugend widerspiegeln. Die lang gezogenen Töne – beim verbundenen Zeilenwechsel von "I wish I" zB meint man geradezu, die Schmerzen des Lied-Ich spüren zu können -, das latente Krächzen in Elvis Stimme, - die kräftig aber auch brüchig ist und so den Riss, der das Lied-Ich zu zerstören beginnt, plastisch macht -, der nahtlose Übergang seines Gesangs zwischen der zweiten Strophe und dem fulminaten Finale, all das passt perfekt zu diesem Song. Wenn Elvis mit bewegender Stimme singt "I cry out my questions / But the answers are gone" wird die Leere um und im Lied-Ich greifbar.

    Reizvoll finde ich den Text, weil sich nicht klar entschlüsseln lässt, worum es hier geht. Das Lied ist weder eindeutig Love-Lost-Ballade noch Gospel, auch wenn es wahrscheinlich der Verlust einer Frau ist, die eine spirituelle Krise auslöst, die wiederum den Glauben des Lied-Ich an Gott zerstört. Aber all das bleibt Spekulation. (Das Substantiv "faith" wäre übrigens ein Kandidat für "she", wenn die zweite Zeile des Textes diesen Zusammenhang nicht unmöglich machen würde. Auch hier wäre dann ein Bezug zur anglo-amerikanischen Romantik zu entdecken gewesen.)

    Neben dem Master Take (#6), der u.a. auf der 70s Box und als Bonussong auf dem erweiterten Elvis Country Release zu hören ist, sind bislang die Takes 1 und 3 auf A Hundred Years from Now bzw Nashville Marathon veröffentlicht wurden. Markante Unterschiede gibt es nicht, der Master ist aber die intensivste Interpretation. Eine weitere Version findet sich auf der Import CD There's a Whole Lotta Shakin' Goin' on (Circle G, 1994), die wiederum identisch ist mit Track 17 auf It's Different Now (Lifetime). Dabei handelt es sich angeblich um den Undubbed Take 1, was aber wohl nicht stimmt, denn Elvis singt deutlich zurückhaltender als in der Version auf A Hundred Years from Now. Ich könnte mir eher vorstellen, dass diese Version ein Rehearsal vor Take 1 ist, was auch erklären würde, weshalb am Anfang ein kleines Stück fehlt.

    NB: die im Netz kursierenden Lyrics sind stellenweise falsch. Euer Manni hat sich bemüht, in diesem Thread den richtigen Text zu posten.
    Zuletzt geändert von Manhattoe; 25.01.2007, 17:30
    DUM-DEE-DUM-DEE-DUM YEAH-YEAH-YEAH!
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  • Mike
    Administrator
    • 23.09.2003
    • 12907

    #2
    Wunderbar!
    ><((((º>

    Kommentar

    • Oliwa
      Ehrenmitglied
      • 31.07.2003
      • 13399

      #3
      Ganz toll geschrieben, ich mochte den Song schon immer sehr

      Aber was ist ständig mit "Lied-Ich" gemeint?
      Verwunden mein Herz mit eintöniger Mattigkeit
      23. April 1998 - 20. November 2006
      29. September 2006 - 22. September 2022 - I'll be with you always!

      Kommentar

      • Mike
        Administrator
        • 23.09.2003
        • 12907

        #4
        Zitat von Oliwa

        Aber was ist ständig mit "Lied-Ich" gemeint?
        Na.... "Er"! Er vom Lied... also Lied-Ich!
        ><((((º>

        Kommentar

        • Manhattoe
          Foren-Profi

          • 04.07.2005
          • 235

          #5
          Zitat von Oliwa
          Ganz toll geschrieben, ich mochte den Song schon immer sehr

          Aber was ist ständig mit "Lied-Ich" gemeint?
          Vielen Dank, Oliwa und Mike.

          Um Verwechslung mit "er" zu vermeiden ("er" kann ja auch Elvis bedeuten) habe ich halte "Lied-Ich" geschrieben. Damit wollte ich nur vermeiden, Elvis Äußerungen zu unterstellen, die das "ich" in dem Lied vornimmt. Das ist übrigens durchaus üblich so.
          DUM-DEE-DUM-DEE-DUM YEAH-YEAH-YEAH!
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          • michael grasberger
            Posting-Legende

            • 16.02.2006
            • 9974

            #6
            Zitat von Manhattoe
            Und was hat Gott damit zu tun? Warum fragt er Gott nach dem Verbleib des Glaubens und seiner Träume, warum fragt er Gott nicht, wo sie geblieben ist?

            ...


            I cry out my questions
            But the answers are gone
            Where did they go Lord, tell me where did they go?
            Where did they go Lord, tell me where did they go?
            ...

            In dieser Situation bleibt ihm nichts weiter als seine Fragen in das ihn umgebende Nichts hinauszuschreien, in der Hoffnung, jemand bzw Gott antwortet ihm.

            ...

            Da Gott der einzige Adressat in diesem Song ist, liegt die Vermutung nahe, die Anklage richtet sich gegen ihn.
            da haben wir wieder (siehe "you gave me a mountain") das alte motiv von hiob, der gott anklagt.
            mir fällt da spontan einer meiner liebsten soulsongs ein: "oh lord, what are you doing to me?" von big maybelle.
            "the answers are gone", da kann man nurmehr händeringend den gar nicht lieben gott anheulen, der einen in diese ganze scheiße gestürzt hat...

            Zitat von Manhattoe
            Elvis wird großartig unterstützt von James Burton, der seiner Gitarre klagende, dissonale Töne entlockt (möglicherweise in Anspielung auf ein populäres Bild der Romantik, das Seelenkrankheit als verstimmte Laute/Harfe metaphorisiert),
            also, ich fürchte, da ist dein bildungshintergrund ein anderer als der von james burton. ein southern boy ist da wohl eher vom BLUES beeinflusst als von der kunst der romantischen epoche...

            (finde ich super, dass hier in letzter zeit die texte so genau unter die lupe genommen werden. da kommt man mal drauf, worüber man bisher hinweggehört hat.)

            "We know that rock'n'roll was not a human invention, that it was the work of the Holy Ghost."
            (Nick Tosches)

            Kommentar

            • Manhattoe
              Foren-Profi

              • 04.07.2005
              • 235

              #7
              Zitat von michael grasberger
              also, ich fürchte, da ist dein bildungshintergrund ein anderer als der von james burton. ein southern boy ist da wohl eher vom BLUES beeinflusst als von der kunst der romantischen epoche...[/FONT]
              Naja, wenn man sich als professioneller Gitarrist mit der Historie seines Instruments auseinandersezt, stößt man sicher auf diesen Zusammenhang. Aber das ist natürlich nur Spekulation.

              (finde ich super, dass hier in letzter zeit die texte so genau unter die lupe genommen werden. da kommt man mal drauf, worüber man bisher hinweggehört hat.)
              Finde ich auch, da einige Texte mehr hergeben, als man meint.
              DUM-DEE-DUM-DEE-DUM YEAH-YEAH-YEAH!
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              • burroughs
                Board-Legende

                • 09.02.2004
                • 56243

                #8
                Zitat von michael grasberger
                [FONT=Courier New]
                also, ich fürchte, da ist dein bildungshintergrund ein anderer als der von james burton. ein southern boy ist da wohl eher vom BLUES beeinflusst als von der kunst der romantischen epoche...
                auch wenn Burton aus dem Süden stammt, wie übrigens alle außer Jerry, direkt aus dem Blues kommt er dennoch nicht
                Ich würd ihn ja eher so als Mischung zwischen Southern Rock und Swamp einstufen.. jedenfalls nicht als Romantiker

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                • michael grasberger
                  Posting-Legende

                  • 16.02.2006
                  • 9974

                  #9
                  Zitat von burroughs
                  direkt aus dem Blues kommt er dennoch nicht
                  hab ich auch nicht behauptet.

                  "We know that rock'n'roll was not a human invention, that it was the work of the Holy Ghost."
                  (Nick Tosches)

                  Kommentar

                  • burroughs
                    Board-Legende

                    • 09.02.2004
                    • 56243

                    #10
                    Zitat von Manhattoe
                    Where did they go, Lord?


                    Am 22. September 1970 nimmt Elvis vier Songs in Nashville auf. Snowbird und Whole lotta shakin' goin' on erscheinen im Januar 1971 auf der LP Elvis Country, Rags to riches und Where did they go, Lord? werden einen Monat später als Single herausgegeben. (Auf Seite 371 von A Life in Music schreibt Jorgensen übrigens richtig, dass Where did they go, Lord? die A-Seite der Single war, im Anhang [420] macht er den Song dann fälschlicherweise zur B-Seite). Trotz dieses exponierten Veröffentlichung gehören die beiden zuletzt genannten Titel lange zu den unbekannteren Songs, die Elvis in seinem annus mirabilis aufnahm. Erst als Where did they go, Lord? im Februar 1978 auf dem ersten posthumen Release, der goldgekrönten LP He Walks Beside Me, erscheint, wird der Song einem breiteren Publikum zugänglich.

                    Für mich ist Where did they go, Lord? der Song aus dem Jahre 1970, der am meisten unter die Haut geht.
                    The words of her promise
                    The flame of her faith
                    The love that would never drift away
                    Where did they go Lord, where did they go?

                    (You know) Somehow forever
                    Slipped out of my hands
                    And my dreams ran away with the wind
                    Where did they go Lord, where did they go?

                    Diese ersten beiden Strophen geht Elvis verhalten an. Sie beschreiben einen Verlust und dessen Konsequenzen, aber es wird nicht deutlich, was oder wer verlorenging. Das Personalpronomen "her" legt natürlich nahe, dass es sich um eine Frau handelt. Aber was ist mit Ihr passiert? Hat sie ihn (das Lied-Ich) verlassen. Oder ist sie gestorben? Es scheint auch hauptsächlich der Bruch eines Versprechens bzw der Verlust des Glaubens zu sein, der mit ihrem Weggang verbunden ist und ihn quält. Und was hat Gott damit zu tun? Warum fragt er Gott nach dem Verbleib des Glaubens und seiner Träume, warum fragt er Gott nicht, wo sie geblieben ist?

                    Der Abschied von ihr scheint mehr als das Ende einer Beziehung. Ihr Verlust ist für ihn eine existentielle Krise, denn er hat den Glauben and die Zukunft bzw an die Ewigkeit verloren (mehrfach deutet sich ein religiöser Zusammenhang an), die Träume, auf den seine Welt beruhte, haben sich ins Nichts verflüchtigt.

                    Die Frage am Ende der zweiten Strophe klingt bereits etwas ungehaltener als in der ersten. (Man kann sich mit Recht darüber beschweren, dass viele Elvis Songs unter technischen Gesichtspunkten luschig produziert wurden, und auch, dass Elvis durch einige Unarten seinen Teil dazu beitrug, aber hier steigert der deutlich hörbare, durch das Einatmen verursachte Zischlaut eindeutig die Intensität der Frage.)

                    Nach diesem ruhigen, aber nichtsdestoweniger kraftvollen Beginn, der auf mich wirkt, als würde das Lied-Ich sich beherrschen müssen, explodiert der Song. Aufgepeitscht von James Burtons grandioser Gitarrenarbeit steigert sich der Song in wenigen Sekunden in ein langes Finale.
                    (You know) Sometimes I wish
                    I had lost her to another
                    Well but Lord she just walked off all alone
                    The heart that's within me isn't bitter, it's just empty
                    And bewildered because her love is gone

                    The passion I trusted
                    The truth that I leaned on
                    And the hope that would forever keep me strong
                    I cry out my questions
                    But the answers are gone
                    Where did they go Lord, tell me where did they go?
                    Where did they go Lord, tell me where did they go?

                    Die Verzweiflung platzt aus ihm heraus. Er kann nicht verstehen, dass sie ihn einfach so verlassen hat. Er würde es besser verstehen, wenn sie ihn für einen anderen verlassen hätte (hier scheint sich zu bestätigen, dass "she" eine Frau ist). Ihr Weggang geschah unvermittelt. Er ist nicht gewappnet für ein Leben ohne sie, ist nicht vorbereitet auf die Leere in seinem Herzen, in dem er nicht einmal Bitterkeit empfinden kann. Er ist verstört, da ihre Leidenschaft und die mit ihr verbundene Hoffnung, auf die er sein Leben (oder mehr noch?) stützte, plötzlich nicht mehr vorhanden sind.

                    In dieser Situation bleibt ihm nichts weiter als seine Fragen in das ihn umgebende Nichts hinauszuschreien, in der Hoffnung, jemand bzw Gott antwortet ihm.

                    Where did they go, Lord? ist ein großartiger Song, gleichzeitig Hilferuf und schmerzerfüllte Klage, aber auch eine Anklage gegen die Ungerechtigkeit und Sinnlosigkeit, die dafür verantwortlich ist, dass sie ihn verließ. Da Gott der einzige Adressat in diesem Song ist, liegt die Vermutung nahe, die Anklage richtet sich gegen ihn.

                    Elvis wird großartig unterstützt von James Burton, der seiner Gitarre klagende, dissonale Töne entlockt (möglicherweise in Anspielung auf ein populäres Bild der Romantik, das Seelenkrankheit als verstimmte Laute/Harfe metaphorisiert), und wenn Elvis "bewildered" singt, klimpert David Briggs kurz ein paar hohe Töne, die die Verwirrung des Lied-Ich hörbar machen. In diesem Song stört mich in keinster Weise die Dramatik - wie es sonst recht häufig bei den Balladen der 70er Jahre der Fall ist - mit der diese Verse vorgetragen werden, da sie die Gefühle von Unverständnis, Verzweiflung und existentieller Angst überzeugend widerspiegeln. Die lang gezogenen Töne – beim verbundenen Zeilenwechsel von "I wish I" zB meint man geradezu, die Schmerzen des Lied-Ich spüren zu können -, das latente Krächzen in Elvis Stimme, - die kräftig aber auch brüchig ist und so den Riss, der das Lied-Ich zu zerstören beginnt, plastisch macht -, der nahtlose Übergang seines Gesangs zwischen der zweiten Strophe und dem fulminaten Finale, all das passt perfekt zu diesem Song. Wenn Elvis mit bewegender Stimme singt "I cry out my questions / But the answers are gone" wird die Leere um und im Lied-Ich greifbar.

                    Reizvoll finde ich den Text, weil sich nicht klar entschlüsseln lässt, worum es hier geht. Das Lied ist weder eindeutig Love-Lost-Ballade noch Gospel, auch wenn es wahrscheinlich der Verlust einer Frau ist, die eine spirituelle Krise auslöst, die wiederum den Glauben des Lied-Ich an Gott zerstört. Aber all das bleibt Spekulation. (Das Substantiv "faith" wäre übrigens ein Kandidat für "she", wenn die zweite Zeile des Textes diesen Zusammenhang nicht unmöglich machen würde. Auch hier wäre dann ein Bezug zur anglo-amerikanischen Romantik zu entdecken gewesen.)

                    Neben dem Master Take (#6), der u.a. auf der 70s Box und als Bonussong auf dem erweiterten Elvis Country Release zu hören ist, sind bislang die Takes 1 und 3 auf A Hundred Years from Now bzw Nashville Marathon veröffentlicht wurden. Markante Unterschiede gibt es nicht, der Master ist aber die intensivste Interpretation. Eine weitere Version findet sich auf der Import CD There's a Whole Lotta Shakin' Goin' on (Circle G, 1994), die wiederum identisch ist mit Track 17 auf It's Different Now (Lifetime). Dabei handelt es sich angeblich um den Undubbed Take 1, was aber wohl nicht stimmt, denn Elvis singt deutlich zurückhaltender als in der Version auf A Hundred Years from Now. Ich könnte mir eher vorstellen, dass diese Version ein Rehearsal vor Take 1 ist, was auch erklären würde, weshalb am Anfang ein kleines Stück fehlt.

                    NB: die im Netz kursierenden Lyrics sind stellenweise falsch. Euer Manni hat sich bemüht, in diesem Thread den richtigen Text zu posten.
                    Dem ist nichts hinzuzufügen, einfach nur wunderschön und ebenso treffend formuliert (bis auf die Stelle mit Burton und der Romantik, siehe dazu auch mein erstes Posting)

                    Gerade die Zeile: ..you know somehow I wish I had lost her to another..
                    fährt mir immer wie ein rostiges Messer über die Haut
                    Er wünscht sich beinahe, daß sie ihn wegen eines anderen verlassen hätte..
                    dann könnte er möglicherweise besser bzw anders damit umgehen..
                    Und er kann auch nichts in seinem Herzen fühlen, keine Bitterkeit (und, auch wenn nichts davon erwähnt ist, keinen Hass gegen sie, was es vermutlich leichter machen würde) .. da ist nur diese Leere..
                    :traurig:

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                    • Manhattoe
                      Foren-Profi

                      • 04.07.2005
                      • 235

                      #11
                      Zitat von burroughs
                      Dem ist nichts hinzuzufügen, einfach nur wunderschön und ebenso treffend formuliert (bis auf die Stelle mit Burton und der Romantik, siehe dazu auch mein erstes Posting)
                      Naja, wenn man sich als professioneller Gitarrist mit der Historie seines Instruments auseinandersezt, stößt man sicher auf diesen Zusammenhang.

                      Viele andere großen Gitarristen wie Eddy van Halen, Brian May oder Alex Lifeson (okay, die sind wohl noch eine Nummer größer als Burton) haben doch über die Jahre hinweg auch immer wieder Ihr Interesse für die Urformen ihres Instruments demonstriert. Alex Lifeson ist doch geradezu ein Gitarrenwissenschaftler ...

                      Aber diese Romantikkiste ist natürlich Spekulation, gebe ich ja zu.
                      DUM-DEE-DUM-DEE-DUM YEAH-YEAH-YEAH!
                      What do you think I am?

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                      • burroughs
                        Board-Legende

                        • 09.02.2004
                        • 56243

                        #12
                        Zitat von Manhattoe
                        Naja, wenn man sich als professioneller Gitarrist mit der Historie seines Instruments auseinandersezt, stößt man sicher auf diesen Zusammenhang.
                        kann ich nicht beurteilen, bin leider keiner
                        Zitat von Manhattoe
                        Viele andere großen Gitarristen wie Eddy van Halen, Brian May oder Alex Lifeson (okay, die sind wohl noch eine Nummer größer als Burton) haben doch über die Jahre hinweg auch immer wieder Ihr Interesse für die Urformen ihres Instruments demonstriert. Alex Lifeson ist doch geradezu ein Gitarrenwissenschaftler ...
                        Lifeson? dat sagt mir doch was.. hilf mir mal..
                        Und nicht nur die Genannten, auch Kaliber wie Steve Vai, Satriani und v.m.
                        setzen sich auf eine Weise damit auseinander.. daß ein Nicht-musiker nur mehr ungläubig hinsehen und lauschen kann .. aber das weicht vom Thema ab

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                        • Manhattoe
                          Foren-Profi

                          • 04.07.2005
                          • 235

                          #13
                          Off-Topic:

                          Zitat von burroughs
                          Lifeson? dat sagt mir doch was.. hilf mir mal..
                          Alex Lifeson ist der Lead- und Rhythm-Gitarrist von Rush, einer dreiköpfigen Band, die in Kanada, wo sie herkommt, und den USA viel bekannter ist als hier.
                          DUM-DEE-DUM-DEE-DUM YEAH-YEAH-YEAH!
                          What do you think I am?

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                          • Manhattoe
                            Foren-Profi

                            • 04.07.2005
                            • 235

                            #14
                            Zwei Richtigstellungen:

                            Auf A Hundred Years from Now ist nicht Take 1 zu hören (wie von Jorgensen angegeben), sondern auch Take 3. Ciscoking hat mich im Grünen diesbezüglich aufgeklärt.

                            Es ist nicht James Burton, der die "klagende" Gitarre spielt, sondern entweder Chip Young oder Eddie Hinton. Burton war bei der Minisession im September 1970 gar nicht dabei. Das hat MW (auch ein "grüner" User) zunächst herausgehört und dann durch Verweise auf Tunzi etc belegt.
                            DUM-DEE-DUM-DEE-DUM YEAH-YEAH-YEAH!
                            What do you think I am?

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                            • burroughs
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                              • 09.02.2004
                              • 56243

                              #15
                              Zitat von Manhattoe
                              Off-Topic:


                              Alex Lifeson ist der Lead- und Rhythm-Gitarrist von Rush, einer dreiköpfigen Band, die in Kanada, wo sie herkommt, und den USA viel bekannter ist als hier.
                              Wußt ich's doch..

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