Aktueller Bericht aus dem
Kölner Stadt-Anzeiger
Der Millionen-Coup
VON MARTIN WOLTERSDORF, 01.07.06, 07:03h

Es ist etwas passiert. Kein Sturm, kein Erdbeben, keine Überschwemmung, aber ein seismographischer Ausschlag auf der bis dahin kaum registrierten Skala der Popmusik. Im Juli 1954 spielt der 19-jährige Elvis Presley im Studio von Sun Records in Memphis / Tennessee drei Titel ein: „That's All Right“, „Blue Moon of Kentucky“ und „Good Rockin' Tonight“. Ein Jahr zuvor hat Presley bereits in einem Selbstversuch in eben jenem Studio seinen dunkel gefärbten Sangesschmelz abgesondert, rein privat, allerdings wohlwollend registriert von der Sekretärin des Studioleiters, die ihrem Chef, Sam Phillips, eine Notiz hinterlässt: „Elvis Pressley (!); Guter Balladensänger; Dranbleiben“. Phillips tut es.
Diese drei ersten, ernsthaften Aufnahmen dann unter seiner Regie, Mitte 1954, kitzeln zudem sein Ego: Das exakt ist es, wovon er immer geträumt hat. Diese Songs haben Soul, sie sind frisch, unbekümmert, verströmen ungeheure Verve und befinden sich - ob schnell oder langsam - auf einem starken Energielevel. Und welch eine Stimme. Wohlgemerkt, allein drei Musiker suggerieren dies, in einem bis dahin unbekannten Sound: Elvis Presley (Gesang, Rhythmusgitarre), Scotty Moore (Leadgitarre) und Bill Black (Kontrabass). „That's All Right“ kommt als erste Single Presleys auf den US-Markt (1954). Es folgt der erste Hit national: „I Forgot To Remember to Forget“, Nummer eins der Country Charts (1955). Ein Vierter ist im Bunde: Schlagzeuger Johnny Bernero.
Colonel Tom Parker übernimmt Elvis Presleys Management. Er verkauft ihn an das globale Label RCA für den damals unglaublichen Preis von 35 000 Dollar. Es folgt Presleys erste Nummer 1 der Billboard-Charts, gleichzeitig seine erste Goldene Schallplatte: „Heartbreak Hotel“ (1956). Da sind sie zu sechst: Floyd Cramer und Chet Atkins erweitern die Band. Und dann kommt sie: die berühmte zweite Aufnahme-Session in den RCA-Studios von New York, am 2. Juli 1956, vor genau 50 Jahren. Es ist der Meilenstein in Presleys Karriere. Danach ist nichts mehr so, wie es mal war. Zwei der drei eingespielten Songs werden als eine Single veröffentlicht: „Hound Dog“ als A-Seite, „Don't Be Cruel“ als B-Seite. Dieses Double schlägt in die Verkaufsnotierungen der Pop-Charts in den USA ein wie eine Rakete. Es toppt die Hitlisten von Pop, Country und R & B als Nummer eins („Hound Dog“) und Nummer zwei („Don't Be Cruel“).
Nie wieder gelingt Elvis Presley solch ein Coup. Nie wieder verkauft sich eine Millionen-Single des King besser als diese. Zum ersten Mal sind auch die „Jordanaires“ dabei, eine Vokalgruppe, deren „Ooh Wahs“ im Background noch viele Presley-Songs versüßen sollen. Der Erfolg der kleinen 45er-Scheibe ist bahnbrechend, Presley ein gemachter Mann und kommender Filmstar. „Hound Dog“ stammt von den späteren Dauer-Hitlieferanten Jerry Leiber und Mike Stoller, beide zu der Zeit, Mitte 1956, 23 Jahre alt. Im Grunde beklagt sich eine Frau in diesem Lied energisch über ihren Lover („Du bist nichts weiter als ein läufiger Jagdhund“). Diese Power demonstriert die Bluessängerin „Big Mama“ Thornton grandios in ihrer - früheren - Version des Liedes.
Big Mamas gutturales Grollen im Ohr, hassen Leiber und Stoller eigentlich Presleys aktuellere Version: sie sei nervös, überzogen, ohne richtigen Groove - und ohne lyrische Bedeutung, da „von einem Mann gesungen“. Zu „Don't Be Cruel“ hingegen äußert sich der Initiator von Presleys legendären Sun-Records, Sam Phillips, in einem Interview mit der „New York Post“ euphorisch: „Als ich das Lied im Autoradio höre, lenke ich aufgewühlt den Wagen zur Seite. Mir ist nun klar, sie haben die Möglichkeiten dieses Sängers gefunden.“ Ja, haben sie.
Kölner Stadt-Anzeiger
Der Millionen-Coup
VON MARTIN WOLTERSDORF, 01.07.06, 07:03h

Es ist etwas passiert. Kein Sturm, kein Erdbeben, keine Überschwemmung, aber ein seismographischer Ausschlag auf der bis dahin kaum registrierten Skala der Popmusik. Im Juli 1954 spielt der 19-jährige Elvis Presley im Studio von Sun Records in Memphis / Tennessee drei Titel ein: „That's All Right“, „Blue Moon of Kentucky“ und „Good Rockin' Tonight“. Ein Jahr zuvor hat Presley bereits in einem Selbstversuch in eben jenem Studio seinen dunkel gefärbten Sangesschmelz abgesondert, rein privat, allerdings wohlwollend registriert von der Sekretärin des Studioleiters, die ihrem Chef, Sam Phillips, eine Notiz hinterlässt: „Elvis Pressley (!); Guter Balladensänger; Dranbleiben“. Phillips tut es.
Diese drei ersten, ernsthaften Aufnahmen dann unter seiner Regie, Mitte 1954, kitzeln zudem sein Ego: Das exakt ist es, wovon er immer geträumt hat. Diese Songs haben Soul, sie sind frisch, unbekümmert, verströmen ungeheure Verve und befinden sich - ob schnell oder langsam - auf einem starken Energielevel. Und welch eine Stimme. Wohlgemerkt, allein drei Musiker suggerieren dies, in einem bis dahin unbekannten Sound: Elvis Presley (Gesang, Rhythmusgitarre), Scotty Moore (Leadgitarre) und Bill Black (Kontrabass). „That's All Right“ kommt als erste Single Presleys auf den US-Markt (1954). Es folgt der erste Hit national: „I Forgot To Remember to Forget“, Nummer eins der Country Charts (1955). Ein Vierter ist im Bunde: Schlagzeuger Johnny Bernero.
Colonel Tom Parker übernimmt Elvis Presleys Management. Er verkauft ihn an das globale Label RCA für den damals unglaublichen Preis von 35 000 Dollar. Es folgt Presleys erste Nummer 1 der Billboard-Charts, gleichzeitig seine erste Goldene Schallplatte: „Heartbreak Hotel“ (1956). Da sind sie zu sechst: Floyd Cramer und Chet Atkins erweitern die Band. Und dann kommt sie: die berühmte zweite Aufnahme-Session in den RCA-Studios von New York, am 2. Juli 1956, vor genau 50 Jahren. Es ist der Meilenstein in Presleys Karriere. Danach ist nichts mehr so, wie es mal war. Zwei der drei eingespielten Songs werden als eine Single veröffentlicht: „Hound Dog“ als A-Seite, „Don't Be Cruel“ als B-Seite. Dieses Double schlägt in die Verkaufsnotierungen der Pop-Charts in den USA ein wie eine Rakete. Es toppt die Hitlisten von Pop, Country und R & B als Nummer eins („Hound Dog“) und Nummer zwei („Don't Be Cruel“).
Nie wieder gelingt Elvis Presley solch ein Coup. Nie wieder verkauft sich eine Millionen-Single des King besser als diese. Zum ersten Mal sind auch die „Jordanaires“ dabei, eine Vokalgruppe, deren „Ooh Wahs“ im Background noch viele Presley-Songs versüßen sollen. Der Erfolg der kleinen 45er-Scheibe ist bahnbrechend, Presley ein gemachter Mann und kommender Filmstar. „Hound Dog“ stammt von den späteren Dauer-Hitlieferanten Jerry Leiber und Mike Stoller, beide zu der Zeit, Mitte 1956, 23 Jahre alt. Im Grunde beklagt sich eine Frau in diesem Lied energisch über ihren Lover („Du bist nichts weiter als ein läufiger Jagdhund“). Diese Power demonstriert die Bluessängerin „Big Mama“ Thornton grandios in ihrer - früheren - Version des Liedes.
Big Mamas gutturales Grollen im Ohr, hassen Leiber und Stoller eigentlich Presleys aktuellere Version: sie sei nervös, überzogen, ohne richtigen Groove - und ohne lyrische Bedeutung, da „von einem Mann gesungen“. Zu „Don't Be Cruel“ hingegen äußert sich der Initiator von Presleys legendären Sun-Records, Sam Phillips, in einem Interview mit der „New York Post“ euphorisch: „Als ich das Lied im Autoradio höre, lenke ich aufgewühlt den Wagen zur Seite. Mir ist nun klar, sie haben die Möglichkeiten dieses Sängers gefunden.“ Ja, haben sie.