Bericht in der aktuellen SPIEGEL-Ausgabe
Der Fan und der Dieb
Von Uwe Buse
Wie ein Elvis-Imitator seine 15 Minuten Ruhm bekam

Der Mann steht im "CVS-Drugstore", und die Menschen starren ihn an. Sie sehen einen 62-Jährigen, der sich das Hemd bis zum Bauchnabel aufgeknöpft hat und unter dem Hemd nur nackte Haut trägt und drei schwere Goldketten. Sie sehen einen 62-Jährigen mit vier Goldringen an der linken Hand, vier Armbändern an den Handgelenken, im Gesicht eine große, goldgeränderte Brille und darüber pechschwarzes Haar, nach hinten gekämmt, kragenlang, flankiert von mächtigen Koteletten. Sie sehen einen Mann, der dem späten Elvis Presley ähnelt, übergewichtig und unglücklich.
AP
Elvis-Imitator Adams
Duke Adams ist zum Drugstore gefahren, um ein paar Besorgungen zu erledigen, um sich abzulenken. Es ist kein gutes Jahr für ihn gewesen. Im Juni starb, nach 21 Jahren Ehe, seine Frau, im Internet beschweren sich ein paar Kunden über seine Firma, eine Arbeitsagentur, "Active Again Employment". Sie habe zu viel berechnet und zu wenig geliefert.
Und dann musste er sich auch noch eingestehen, dass es nichts mehr werden wird mit der großen Karriere im Showgeschäft, hier in Las Vegas. Über zehn Jahre hat er den Elvis gegeben, auf Feiern, in Clubs, vor Fans, doch etwas Besonderes war er nie, er war immer nur ein Imitator unter vielen, er war immer Mittelmaß.
Adams ist im Begriff, den Drugstore zu verlassen, als ihn jemand anspricht: "Entschuldigung, Sir."
Adams dreht sich um, mürrisch, er hat keine große Lust zu reden. Vor ihm steht ein Mann mit einem dünnen, dandyhaften Bärtchen. Er ist kleiner als Adams, einen Kopf vielleicht, und schmaler ist er auch. Er sieht mexikanisch aus. "Ja?", fragt Adams. Der mexikanische Dandy scheint sich zu freuen, Adams zu sehen.
Eliab A. hat lange nach jemandem wie Adams gesucht. Nach jemandem, der eine besondere Beziehung zu Elvis Presley hat, der ihn verehrt, ihn schätzt, der bereit ist, viel Geld für ein paar Dinge zu bezahlen, die Elvis, der King, durch seine Berührung geadelt hat. A. besitzt, unter anderem, einen 41-Karäter, er besitzt Presleys High-School-Ring von 1953, eine vergoldete Smith & Wesson, Kaliber .38, einen juwelenbesetzten Anhänger mit den Initialen Presleys.
Die Stücke stammen aus einem Raub, vor eineinhalb Jahren fuhren Diebe mit einem gestohlenen Abschleppwagen durch die Hintertür des "Elvis-A-Rama", einer Pilgerstätte für Presley-Fans in Las Vegas, und räumten die Schmuckvitrinen leer. Mit großer Wahrscheinlichkeit hat Eliab A. in dem Abschleppwagen gesessen.
Im Drugstore sagt A. zu Adams: "Ich hätte da etwas für Sie" und zieht ihn beiseite. Er erzählt Adams von einer einmaligen Gelegenheit, von Elvis-Gedenkstücken, sehr, sehr günstig. Nur 80.000 Dollar, alles zusammen. "Kein Interesse", sagt Adams, "meine Frau ist im Juni gestorben. Mir ist nicht nach Sammeln."
A. lässt nicht locker. Er will die Beute loswerden, endlich, er will mit dem Geld ein Haus kaufen und sesshaft werden. Während A. spricht, erinnert sich Adams an den Raub, an die Schlagzeilen, an die Fahndung der Polizei, die ergebnislos blieb. Er sieht A. an. Was soll er tun?
Sich umdrehen und die ganze Angelegenheit vergessen? Um Hilfe schreien?
Oder soll er seine Furcht überwinden und der Polizei den Räuber auf einem silbernen Tablett servieren, mitsamt der Beute? Soll er sich wie ein echter Fan verhalten, leichtsinnig, vielleicht selbstmörderisch?
"Kommen Sie morgen in mein Büro", sagt Adams, "900 East Desert Inn Road".
Zurück in seiner Wohnung ruft Adams die Polizei an. Die Beamten sagen, Adams solle sie anrufen, wenn A. in seinem Büro sei. Sie würden sich dann auf den Weg machen. Es gibt wichtigere Verbrechen zu klären in Las Vegas.
Am nächsten Tag steht A. vor Adams' Arbeitsagentur, eine Baumwolltasche in der Hand. Adams alarmiert die Polizei, dann bittet er A. in sein Büro. A. öffnet die Tasche und legt die Ringe, die Pistole, die Anhänger auf den Tisch. Die beiden Männer sehen sich an. A. wartet auf sein Geld, Adams auf die Polizisten.
Adams fragt, was A. mit dem Geld machen werde. A. erzählt von dem Haus, das er sich kaufen will. Adams blickt zur Tür. Keine Polizisten. Nichts. Hilflos schiebt er A. ein Formular der Arbeitsagentur hinüber. Das könne er ausfüllen, wenn er wolle. Vielleicht ergebe sich ein Job. Adams blickt wieder zur Tür. Zwei Uniformierte stehen jetzt da. A. blickt auf, sein Mund steht offen, er wehrt sich nicht.
Einen Tag nachdem die Lokalzeitung über die Festnahme berichtet hat, beginnt Adams' Telefon zu klingeln. Elvis-Fans bejubeln seinen Mut. Der Besitzer des Elvis-A-Rama verspricht ihm eine Belohnung. Journalisten rufen an, CNN interviewt ihn. Das ist der Höhepunkt.
Adams ist zu sehen auf den Fernsehschirmen der Nation, die Ringe an der Hand, die Brille im Gesicht, das Haar schwarz. Er erzählt seine Geschichte in geraden, einfachen Sätzen. Er ist nicht nervös, er schmückt nichts aus, er gibt nicht an. Nicht einmal die beiden Moderatoren, die dumme Witze reißen, bringen ihn aus dem Konzept, denn in diesen Minuten ist Adams keine Kopie von irgendjemandem, er ist nur er selbst. Und er ist gut.
Der Fan und der Dieb
Von Uwe Buse
Wie ein Elvis-Imitator seine 15 Minuten Ruhm bekam

Der Mann steht im "CVS-Drugstore", und die Menschen starren ihn an. Sie sehen einen 62-Jährigen, der sich das Hemd bis zum Bauchnabel aufgeknöpft hat und unter dem Hemd nur nackte Haut trägt und drei schwere Goldketten. Sie sehen einen 62-Jährigen mit vier Goldringen an der linken Hand, vier Armbändern an den Handgelenken, im Gesicht eine große, goldgeränderte Brille und darüber pechschwarzes Haar, nach hinten gekämmt, kragenlang, flankiert von mächtigen Koteletten. Sie sehen einen Mann, der dem späten Elvis Presley ähnelt, übergewichtig und unglücklich.
AP
Elvis-Imitator Adams
Duke Adams ist zum Drugstore gefahren, um ein paar Besorgungen zu erledigen, um sich abzulenken. Es ist kein gutes Jahr für ihn gewesen. Im Juni starb, nach 21 Jahren Ehe, seine Frau, im Internet beschweren sich ein paar Kunden über seine Firma, eine Arbeitsagentur, "Active Again Employment". Sie habe zu viel berechnet und zu wenig geliefert.
Und dann musste er sich auch noch eingestehen, dass es nichts mehr werden wird mit der großen Karriere im Showgeschäft, hier in Las Vegas. Über zehn Jahre hat er den Elvis gegeben, auf Feiern, in Clubs, vor Fans, doch etwas Besonderes war er nie, er war immer nur ein Imitator unter vielen, er war immer Mittelmaß.
Adams ist im Begriff, den Drugstore zu verlassen, als ihn jemand anspricht: "Entschuldigung, Sir."
Adams dreht sich um, mürrisch, er hat keine große Lust zu reden. Vor ihm steht ein Mann mit einem dünnen, dandyhaften Bärtchen. Er ist kleiner als Adams, einen Kopf vielleicht, und schmaler ist er auch. Er sieht mexikanisch aus. "Ja?", fragt Adams. Der mexikanische Dandy scheint sich zu freuen, Adams zu sehen.
Eliab A. hat lange nach jemandem wie Adams gesucht. Nach jemandem, der eine besondere Beziehung zu Elvis Presley hat, der ihn verehrt, ihn schätzt, der bereit ist, viel Geld für ein paar Dinge zu bezahlen, die Elvis, der King, durch seine Berührung geadelt hat. A. besitzt, unter anderem, einen 41-Karäter, er besitzt Presleys High-School-Ring von 1953, eine vergoldete Smith & Wesson, Kaliber .38, einen juwelenbesetzten Anhänger mit den Initialen Presleys.
Die Stücke stammen aus einem Raub, vor eineinhalb Jahren fuhren Diebe mit einem gestohlenen Abschleppwagen durch die Hintertür des "Elvis-A-Rama", einer Pilgerstätte für Presley-Fans in Las Vegas, und räumten die Schmuckvitrinen leer. Mit großer Wahrscheinlichkeit hat Eliab A. in dem Abschleppwagen gesessen.
Im Drugstore sagt A. zu Adams: "Ich hätte da etwas für Sie" und zieht ihn beiseite. Er erzählt Adams von einer einmaligen Gelegenheit, von Elvis-Gedenkstücken, sehr, sehr günstig. Nur 80.000 Dollar, alles zusammen. "Kein Interesse", sagt Adams, "meine Frau ist im Juni gestorben. Mir ist nicht nach Sammeln."
A. lässt nicht locker. Er will die Beute loswerden, endlich, er will mit dem Geld ein Haus kaufen und sesshaft werden. Während A. spricht, erinnert sich Adams an den Raub, an die Schlagzeilen, an die Fahndung der Polizei, die ergebnislos blieb. Er sieht A. an. Was soll er tun?
Sich umdrehen und die ganze Angelegenheit vergessen? Um Hilfe schreien?
Oder soll er seine Furcht überwinden und der Polizei den Räuber auf einem silbernen Tablett servieren, mitsamt der Beute? Soll er sich wie ein echter Fan verhalten, leichtsinnig, vielleicht selbstmörderisch?
"Kommen Sie morgen in mein Büro", sagt Adams, "900 East Desert Inn Road".
Zurück in seiner Wohnung ruft Adams die Polizei an. Die Beamten sagen, Adams solle sie anrufen, wenn A. in seinem Büro sei. Sie würden sich dann auf den Weg machen. Es gibt wichtigere Verbrechen zu klären in Las Vegas.
Am nächsten Tag steht A. vor Adams' Arbeitsagentur, eine Baumwolltasche in der Hand. Adams alarmiert die Polizei, dann bittet er A. in sein Büro. A. öffnet die Tasche und legt die Ringe, die Pistole, die Anhänger auf den Tisch. Die beiden Männer sehen sich an. A. wartet auf sein Geld, Adams auf die Polizisten.
Adams fragt, was A. mit dem Geld machen werde. A. erzählt von dem Haus, das er sich kaufen will. Adams blickt zur Tür. Keine Polizisten. Nichts. Hilflos schiebt er A. ein Formular der Arbeitsagentur hinüber. Das könne er ausfüllen, wenn er wolle. Vielleicht ergebe sich ein Job. Adams blickt wieder zur Tür. Zwei Uniformierte stehen jetzt da. A. blickt auf, sein Mund steht offen, er wehrt sich nicht.
Einen Tag nachdem die Lokalzeitung über die Festnahme berichtet hat, beginnt Adams' Telefon zu klingeln. Elvis-Fans bejubeln seinen Mut. Der Besitzer des Elvis-A-Rama verspricht ihm eine Belohnung. Journalisten rufen an, CNN interviewt ihn. Das ist der Höhepunkt.
Adams ist zu sehen auf den Fernsehschirmen der Nation, die Ringe an der Hand, die Brille im Gesicht, das Haar schwarz. Er erzählt seine Geschichte in geraden, einfachen Sätzen. Er ist nicht nervös, er schmückt nichts aus, er gibt nicht an. Nicht einmal die beiden Moderatoren, die dumme Witze reißen, bringen ihn aus dem Konzept, denn in diesen Minuten ist Adams keine Kopie von irgendjemandem, er ist nur er selbst. Und er ist gut.



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